Hamburg (tzn) – Es war ein Abend, der in die Theatergeschichte eingehen wird – wenn auch aus völlig anderen Gründen als beabsichtigt. Der renommierte Theaterkritiker Friedrich von Bildungsbürger, seit 31 Jahren Feuilleton-Redakteur bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, hat am vergangenen Donnerstagabend im Thalia Theater Hamburg eine „ergreifende, minimalistische Inszenierung von überwältigender künstlerischer Konsequenz“ gelobt. Das Problem: Die Aufführung – eine Neuinszenierung von Tschechows „Drei Schwestern“ – hatte wegen eines technischen Defekts an der Bühnenhydraulik noch gar nicht begonnen.
In seiner am Freitagmorgen veröffentlichten Rezension für die FAZ schrieb von Bildungsbürger unter der Überschrift „Das Schweigen als Schrei – Tschechow, endlich zu Ende gedacht“: „Selten hat mich ein leerer Bühnenraum so bewegt. Die Abwesenheit von allem ist die Anwesenheit von Bedeutung. Zwanzig Minuten lang konfrontierte mich die Bühne mit dem Nichts – und in diesem Nichts erkannte ich alles.“ Er vergab fünf von fünf Sternen und nannte den Abend „das mutigste, was das deutschsprachige Theater seit Castorf hervorgebracht hat“.
Als die Pressestelle des Thalia Theaters den Kritiker am Freitagmittag über den Irrtum aufklärte, reagierte von Bildungsbürger mit der Gelassenheit eines Mannes, der in drei Jahrzehnten Feuilletonismus gelernt hat, nie einen Rückzieher zu machen. „Das ändert nichts an meiner Bewertung“, erklärte er in einer schriftlichen Stellungnahme. „Gerade die Unfreiwilligkeit macht es zur Kunst. Die größten Werke der Menschheit sind aus Zufällen entstanden. Penicillin, die Mikrowelle, und jetzt eben diese Inszenierung.“ Auf die Nachfrage, ob er nicht wenigstens die Sternebewertung korrigieren wolle, entgegnete er: „Wenn überhaupt, würde ich auf sechs Sterne erhöhen.“
Die Leserschaft der FAZ zeigte sich von der Kontroverse begeistert. Innerhalb von 48 Stunden gingen 47 Leserbriefe ein, davon 43 zustimmend. Ein Leser aus Heidelberg schrieb: „Endlich hat jemand den Mut, das Offensichtliche auszusprechen: Theater ist am besten, wenn es nicht stattfindet.“ Eine Abonnentin aus Wien ergänzte: „Ich habe die Rezension gelesen und war zu Tränen gerührt. Dann habe ich erfahren, dass nichts passiert ist, und war noch gerührter.“ Die vier kritischen Leserbriefe stammten laut Redaktionsangaben ausschließlich von Theaterschauspielern.
Die Nachricht verbreitete sich rasch in der Theaterwelt, und andere Kritiker begannen, dem Beispiel von Bildungsbürgers zu folgen. Die „Berliner Zeitung“ veröffentlichte eine enthusiastische Rezension über einen leeren Probenraum am Deutschen Theater Berlin („Die Bühne als Spiegel des kosmischen Vakuums – viereinhalb Sterne“). Der „Tagesspiegel“ widmete der Garderobe der Volksbühne eine Doppelseite, und die „Zeit“ druckte ein ganzseitiges Foto einer leeren Stuhlreihe im Maxim Gorki Theater unter der Überschrift „Das Theater, das wir verdienen“. Der Trend wurde in Fachkreisen bereits als „Neue Hamburger Leere“ bezeichnet.
Das Thalia Theater erkannte die kommerzielle Chance und reagierte mit bemerkenswerter Schnelligkeit. Ab sofort bietet das Haus offiziell Karten für „planmäßige technische Störungen“ an. Jeden Dienstag und Donnerstag von 20:00 bis 20:20 Uhr sitzen die Besucher vor einer leeren Bühne und erleben „die transformative Kraft der Abwesenheit“, wie es in der Ankündigung heißt. Die Karten kosten 45 Euro im Parkett und 32 Euro auf dem Rang. Die ersten drei Vorstellungen waren innerhalb von vier Stunden ausverkauft. Das Thalia Theater hat für diese Veranstaltungsreihe keinen einzigen Schauspieler, Bühnenarbeiter oder Techniker einplanen müssen. Die Gewinnmarge beträgt nach Angaben des Hauses „nahezu 100 Prozent“.
In Berlin versuchte die Schaubühne am Lehniner Platz, den Trend zu imitieren. Regisseur Thomas Mülleimer inszenierte eine absichtlich leere Aufführung mit dem Titel „Nichts. Absichtlich.“ – eine volle Stunde ohne Schauspieler, Licht oder Ton. Die Kritiken waren vernichtend. Von Bildungsbürger selbst nannte die Berliner Produktion „derivativ und uninspiriert“ und vergab eineinhalb Sterne. „Man spürt sofort, dass hier das Nichts geplant war“, schrieb er. „Echtes Nichts kann man nicht planen. In Hamburg war das Nichts authentisch. In Berlin ist es Berechnung.“ Regisseur Mülleimer zeigte sich fassungslos: „Ich habe buchstäblich nichts gemacht, und es war trotzdem falsch.“
Der Regisseur der ursprünglich geplanten Tschechow-Inszenierung, Lars-Henrik Kulissen, zeigte sich von den Ereignissen paradoxerweise erleichtert. „Endlich versteht jemand meine Vision“, erklärte er in einem Interview mit dem NDR. Er habe seit Probenbeginn mit dem Gedanken gespielt, die Schauspieler ganz aus der Inszenierung zu streichen. „Tschechow hat immer über die Langeweile des russischen Landlebens geschrieben. Was könnte langweiliger sein als eine leere Bühne? Das ist die konsequenteste Tschechow-Interpretation seit Stanislawski.“ Die drei Hauptdarstellerinnen, die monatelang für ihre Rollen geprobt hatten, wurden nicht nach ihrer Meinung gefragt.
Die FAZ-Rezension von Friedrich von Bildungsbürger gewann unterdessen den Theodor-Fontane-Preis für herausragende Kulturkritik. In der Jurybegründung hieß es: „Selten hat ein Kritiker mit solcher Präzision das beschrieben, was nicht war.“ Von Bildungsbürger nahm den Preis persönlich entgegen und dankte in seiner Rede „dem Techniker, dessen defekte Bühnenhydraulik die Kunstkritik auf eine neue Ebene gehoben hat“. Der Techniker, Wolfgang Schraubenschlüssel (62), war bei der Verleihung nicht anwesend. Er war krankgeschrieben – wegen eines Bandscheibenvorfalls, den er sich bei der Reparatur der Bühnenhydraulik zugezogen hatte.
Die jüngste Entwicklung sorgt für erneute Aufregung: Der Nachlass von John Cage – dem Komponisten, der 1952 mit „4’33”“ ein Stück komponierte, das ausschließlich aus Stille besteht – prüft rechtliche Schritte gegen das Thalia Theater wegen Urheberrechtsverletzung. Laut einem Sprecher des Nachlasses sei „jede Form organisierter Stille in einem künstlerischen Kontext ab einer Dauer von vier Minuten und 33 Sekunden urheberrechtlich geschützt“. Das Thalia Theater hat daraufhin angekündigt, die planmäßigen technischen Störungen künftig auf genau vier Minuten und 32 Sekunden zu begrenzen. Friedrich von Bildungsbürger kommentierte: „Das macht es nur besser. Kürze ist die Seele des Nichts.“