Wuppertal (tzn) – Was als gewöhnlicher Samstagvormittag im Frühjahr 1987 begann, hat sich längst zu einem der ausdauerndsten Bauprojekte der deutschen Nachkriegsgeschichte entwickelt: Werner K. (81) aus Wuppertal-Barmen baut seit nunmehr 39 Jahren an seinem IKEA-Regal „BJÖRKUDDEN“. Nachdem er das Projekt am vergangenen Mittwoch offiziell für gescheitert erklärte, hat er beim Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung einen förmlichen Antrag auf Entwicklungshilfe gestellt. „Wenn die Entwicklungshilfe für ganze Länder funktioniert, dann doch wohl auch für ein Regal“, begründete Werner K. seinen Antrag.

Die Bilanz von fast vier Jahrzehnten BJÖRKUDDEN liest sich wie ein Kriegsbericht: Drei Ehen sind an dem Regal zerbrochen („Jede meiner Frauen hat irgendwann gesagt, entweder das Regal geht oder ich gehe – das Regal ist geblieben“), zwei Bandscheibenvorfälle hat sich Werner K. beim Versuch zugezogen, die Rückwand alleine anzuheben, und einen dokumentierten Nervenzusammenbruch erlitt er 2004, als er auf Seite 14 der Anleitung feststellte, dass er seit 1987 mit Schritt 3 begonnen hatte, obwohl die Schritte 1 und 2 als „zwingend notwendig“ gekennzeichnet waren. Von den ursprünglich 847 Holzdübeln seien noch 412 übrig, der Rest sei „in den Tiefen des Teppichs verschwunden oder in Momenten der Verzweiflung aus dem Fenster geworfen worden“.

Besonders tragisch: Die beiliegende Aufbauanleitung war vollständig auf Schwedisch verfasst. Werner K., der keinerlei Fremdsprachenkenntnisse besitzt, hielt den Text jedoch die ersten zwanzig Jahre lang für einen süddeutschen Dialekt. „Ich dachte, ‚skåp‘ sei Bayerisch für Schrank“, erklärte er. „Und ‚insexnyckel‘ hielt ich für eine schwäbische Beleidigung.“ Erst 2007, als sein Enkel Maximilian die Anleitung in die Hand nahm und bemerkte, dass es sich um Schwedisch handele, dämmerte Werner K. die Dimension seines Missverständnisses. Allerdings hatte er zu diesem Zeitpunkt bereits 20 Jahre nach eigenem Ermessen gebaut und weigerte sich, von vorne anzufangen.

Die Inbusschlüssel sind ein Kapitel für sich. Werner K. hat nach eigener Zählung insgesamt 47 Stück verbraucht – 46 mehr als dem Paket beilagen. „Die Dinger verbiegen sich, wenn man sie nur anguckt“, klagte er. Er habe im Laufe der Jahre sämtliche Baumärkte im Bergischen Land nach Inbusschlüsseln der Größe 4 abgegrast. Der Filialleiter des örtlichen Bauhaus-Marktes bestätigte gegenüber unserer Redaktion, dass Werner K. dort als „Stammkunde der besonderen Art“ geführt werde. „Er kommt etwa alle drei Monate und kauft ausschließlich Inbusschlüssel. Wir haben irgendwann aufgehört, Fragen zu stellen.“

Die Nachbarschaft hat sich über die Jahrzehnte an die akustische Untermalung des Dauerprojekts gewöhnt. „Man hört das Fluchen durch drei Wände“, berichtet Nachbarin Irmgard Schönwetter (76). „Anfangs war es beunruhigend, mittlerweile ist es beruhigend. Wenn man Werner nicht fluchen hört, macht man sich Sorgen.“ Ihr Mann Heinz ergänzte, er habe Werner einmal seine Hilfe angeboten. „Das war 1993. Er hat mich angeschaut, als hätte ich seine Mutter beleidigt, und gesagt: ‚Das ist zwischen mir und dem Regal.‘ Seitdem halte ich mich raus.“

Werners Enkelkinder Maximilian (23) und Sophie (19) kennen das Regal nur als Dauerbaustelle und halten es mittlerweile für ein Kunstwerk. „Opa hat eine begehbare Installation geschaffen“, erklärte Sophie, die an der Folkwang Universität der Künste in Essen Freie Kunst studiert. „Vier Seitenwände in 39 Jahren – das ist radikale Entschleunigung als künstlerisches Prinzip.“ Sie habe das Regal als Semesterarbeit eingereicht und eine 1,3 bekommen. Werner K. kommentierte dies mit den Worten: „Kunst? Das ist ein Regal! Es soll Bücher halten! Sobald es fertig ist!“ Wann das sein werde, wollte er nicht prognostizieren.

Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung reagierte auf den Antrag mit diplomatischer Zurückhaltung. Ein Sprecher erklärte gegenüber unserer Redaktion: „Wir haben den Antrag von Herrn K. erhalten und prüfen derzeit, ob der Aufbau eines IKEA-Regals unter die Kriterien der Entwicklungshilfe fällt. Nach erster Einschätzung handelt es sich bei dem Projekt um eine ‚fragile Situation‘ im Sinne unserer Vergaberichtlinien.“ Man habe den Fall an die Abteilung für „Infrastrukturprojekte mit besonderer Herausforderung“ weitergeleitet. Werner K. habe dem Antrag umfangreiches Bildmaterial beigefügt, das im Ministerium „Betroffenheit ausgelöst“ habe.

IKEA selbst führt intern seit 2011 eine Akte über den Fall Werner K. Wie ein ehemaliger Mitarbeiter der Kundendienstabteilung unserer Redaktion vertraulich mitteilte, sei der Vorgang unter dem Aktenzeichen „BJÖRK-DE-1987-ESKALATION“ abgelegt und werde regelmäßig in Schulungen für neue Kundenbetreuer als „Worst-Case-Szenario“ behandelt. 2018 habe IKEA Werner K. angeboten, einen spezialisierten Aufbauberater nach Wuppertal zu entsenden – kostenfrei und ohne Terminbegrenzung. Werner K. lehnte brüsk ab: „Die schicken bestimmt nur eine neue Anleitung. Auf Schwedisch. Und dann darf ich wieder raten, was ‚fäst spännplattan på baksidan‘ heißen soll.“ IKEA habe daraufhin intern vermerkt: „Kunde wünscht keine Unterstützung. Akte bleibt offen.“

Das halbfertige Regal ist mittlerweile zu einer lokalen Touristenattraktion geworden. Seit die „Westdeutsche Zeitung“ 2022 erstmals über den Fall berichtete, kommen regelmäßig Schaulustige aus dem gesamten Bergischen Land, um einen Blick auf das BJÖRKUDDEN zu werfen. Werner K. gewährt nach vorheriger Anmeldung Führungen durch sein Wohnzimmer, in dem das Regal – oder das, was er als Regal bezeichnet – den gesamten Platz zwischen Sofa und Fernseher einnimmt. Der Eintritt beträgt drei Euro, Kinder und Inhaber einer BahnCard zahlen die Hälfte. „Damit finanziere ich die Inbusschlüssel“, erklärte Werner K. sachlich. Im vergangenen Jahr zählte er nach eigenen Angaben 340 Besucher. Der beliebteste Programmpunkt: das Live-Fluchen beim Versuch, Dübel Nummer 413 zu setzen.

Auf die Frage, ob er das Regal jemals fertigstellen werde, schwieg Werner K. zunächst lange und blickte auf das Konstrukt aus Pressspan, Hoffnung und vier Jahrzehnten Sturheit. Dann sagte er: „Weißt du, in den ersten zehn Jahren ging es um das Regal. In den nächsten zehn Jahren ging es darum, Recht zu behalten. Und jetzt geht es nur noch ums Prinzip.“ Er werde weiterbauen, mit oder ohne Entwicklungshilfe, mit oder ohne Anleitung, mit oder ohne funktionierende Bandscheibe. „Das BJÖRKUDDEN und ich – wir sind jetzt eine Einheit. Und eine Einheit gibt nicht auf.“ Dann griff er zum Inbusschlüssel Nummer 48 und machte sich wieder an die Arbeit.