Düsseldorf (tzn) – Was als ärgerlicher Kofferverlust am Flughafen Frankfurt im August 2023 begann, endete am vergangenen Samstag mit einer Einladung zur Vernissage: Der seit über zweieinhalb Jahren vermisste Samsonite-Trolley von Klaus-Peter W. (58) aus Ratingen wurde als zentrales Exponat der Ausstellung „Verlorene Identitäten – Nomadische Objekte im transitorischen Raum“ im K21 Düsseldorf entdeckt. Auf dem Preisschild stand: 12.000 Euro. Der Koffer enthielt noch immer Klaus-Peters Urlaubsgarderobe von 2023, darunter drei Hawaiihemden, eine Tube Sonnencreme (abgelaufen) und ein Taschenbuch von Dan Brown.

Die Entdeckung verdankt sich einem Zufall. Klaus-Peters Ehefrau Margot (56) hatte ihrem Mann zum Geburtstag einen Besuch im K21 geschenkt – „damit er endlich mal was Kulturelles macht statt immer nur Formel 1 zu schauen“, wie sie erklärte. Beim Betreten des Ausstellungsraums im zweiten Obergeschoss blieb Klaus-Peter abrupt stehen. „Ich habe sofort den Aufkleber erkannt“, sagte er unserer Redaktion. „Den FC-Köln-Sticker auf der rechten Seite. Den hat mir mein Schwager 2019 aufgeklebt, und ich habe ihn nie abbekommen. Außerdem hing noch das Gepäckband von Frankfurt dran. Das war eindeutig meiner.“

Der Künstler hinter der Installation ist der in Berlin lebende Konzeptkünstler Thorsten Blank (41), der sich auf „gefundene Objekte im urbanen Transitraum“ spezialisiert hat. Blank hatte den Koffer nach eigenen Angaben im November 2023 auf dem Gepäckband 7 des Frankfurter Flughafens „entdeckt“, nachdem dieser dort mehrere Stunden unbeaufsichtigt kreiste. „In dem Moment, als ich den Koffer sah, wusste ich: Das ist keine Gepäckstück mehr. Das ist ein Statement“, erklärte Blank in seinem Künstlerstatement. „Die Hawaiihemden symbolisieren die gescheiterte Flucht vor dem Alltag. Die abgelaufene Sonnencreme ist eine Metapher für den Verfall aller Hoffnung. Und der Dan Brown? Nun, manche Dinge sind auch in der Kunst einfach nur schlecht.“

Klaus-Peter W. reagierte auf die künstlerische Interpretation seines Kofferinhalts mit einer Mischung aus Fassungslosigkeit und Wut. „Die Hawaiihemden symbolisieren gar nichts. Die waren im Angebot bei C&A“, sagte er. „Und das Buch war gut. Ich war auf Seite 340 und wollte es im Urlaub fertig lesen. Aus dem Urlaub wurde dann nichts, weil meine ganzen Sachen weg waren. Wir haben drei Tage in Antalya in den gleichen Klamotten verbracht.“ Seine Frau bestätigte: „Er hat am Pool gesessen in seiner Jeans und Wanderschuhen. Die Türken haben gedacht, er ist ein Backpacker.“

Die Situation eskalierte, als Klaus-Peter versuchte, seinen Koffer aus der Ausstellung zu entfernen. Ein Sicherheitsmitarbeiter des K21 hielt ihn auf und erklärte, dass das „Anfassen der Exponate strengstens untersagt“ sei. Es folgte ein hitziges Wortgefecht, bei dem Klaus-Peter seinen Kofferbon vom Flughafen Frankfurt vorlegte – den er seit zweieinhalb Jahren in seinem Portemonnaie aufbewahrte – und der Sicherheitsmann entgegnete, dass „ein Kofferbon kein Eigentumszertifikat im kunstjuristischen Sinne“ darstelle. Die herbeigerufene Kuratorin Dr. Sibylle Kunstmann-Werth versuchte zu vermitteln und bot Klaus-Peter als Kompromiss eine Jahreskarte für das Museum an. Er lehnte ab.

Der Fall beschäftigt mittlerweile das Amtsgericht Düsseldorf. Klaus-Peters Anwalt argumentiert, dass der Koffer zweifelsfrei das Eigentum seines Mandanten sei und niemals wirksam den Besitzer gewechselt habe. „Man kann nicht einfach einen Koffer vom Gepäckband nehmen und ihn zur Kunst erklären“, erklärte Rechtsanwalt Dr. Brinkmann. „Das ist Diebstahl, nicht Duchamp.“ Künstler Blank hingegen beruft sich auf das Konzept des „objet trouvé“ – des gefundenen Gegenstands – und argumentiert, dass der Koffer durch den künstlerischen Akt der Aneignung seinen Status als Gebrauchsgegenstand verloren habe. „Der Koffer gehört jetzt der Kunst“, so Blank. „Und die Kunst gehört allen.“ Klaus-Peter kommentierte: „Dann soll die Kunst mir meine Hawaiihemden zurückgeben.“

Besonders pikant: Klaus-Peter hatte 2023 bei der Fluggesellschaft Lufthansa einen Verlustantrag gestellt und nach monatelangem Schriftverkehr eine Entschädigung von 480 Euro erhalten – für einen Koffer, der nach Einschätzung von Kunstexperten nun einen Marktwert von 12.000 Euro hat. Die Lufthansa teilte auf Anfrage mit, dass man „den Fall mit Interesse verfolge“ und prüfe, ob die Entschädigung rückwirkend angepasst werden müsse – allerdings nicht nach oben, sondern nach unten, da der Koffer ja offensichtlich nicht verloren gegangen sei, sondern „lediglich zwischengelagert“ wurde. Klaus-Peters Anwalt nannte diese Argumentation „so absurd wie ein Dan Brown in einer Kunstgalerie“.

Die Kunstkritik reagierte derweil begeistert auf den Vorfall. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ widmete dem Koffer eine halbseitige Rezension unter der Überschrift „Samsonite als Sinnbild: Über das Gepäck, das wir tragen, und das, das uns davonläuft“. Der Kritiker lobte insbesondere die „ungeplante Patina“ der Hawaiihemden und die „existenzielle Schwere des abgelaufenen Lichtschutzfaktors“. Die Zeitschrift „Art“ wählte die Installation auf Platz 3 der „wichtigsten Kunstwerke des Jahres“. Das Fachmagazin „Monopol“ widmete Thorsten Blank ein Titelporträt mit der Schlagzeile „Der Mann, der Koffer zu Gold macht“. Blank bedankte sich bescheiden und kündigte an, sein nächstes Werk werde ein „vergessener Regenschirm aus der S-Bahn München“ sein. Arbeitstitel: „Schirm und Sein“.

Am Flughafen Frankfurt hat der Fall unterdessen für Unruhe gesorgt. Die Fraport AG teilte mit, dass man die Sicherheitsmaßnahmen am Gepäckband verschärft habe, um zu verhindern, dass weitere Koffer „unbeabsichtigt in den Kunstmarkt gelangen“. Gleichzeitig meldete sich ein Dutzend weiterer Reisender, die ihre seit Jahren vermissten Gepäckstücke in Ausstellungen und Galerien im gesamten Bundesgebiet wiederzuerkennen glauben. Ein Mann aus Hamburg behauptet, seinen 2021 verschwundenen Rucksack in der Hamburger Kunsthalle gesehen zu haben – als Teil einer Installation mit dem Titel „Bürde der Mobilität“. Eine Frau aus München ist überzeugt, ihren Trolley im Museum Brandhorst entdeckt zu haben, konnte dies aber nicht beweisen, da ihr Koffer „leider beige und völlig unauffällig“ sei – „wie die meisten Kunstwerke dort“, fügte sie hinzu.

Klaus-Peter W. hat angekündigt, notfalls bis zum Bundesgerichtshof zu klagen. Bis dahin hat er den K21-Museumsshop aufgesucht und dort den Ausstellungskatalog für 38 Euro erworben – „als Beweis“, wie er sagt. Im Katalog ist sein Koffer auf einer Doppelseite abgebildet, die Hawaiihemden kunstvoll drapiert. Die Bildunterschrift lautet: „Ohne Titel (Koffer), 2023/2026, Mixed Media, Samsonite, Polyester, Sonnencreme, Taschenbuch, FC-Köln-Aufkleber, Gepäckbandreste. Privatsammlung (umstritten).“ Klaus-Peters Frau Margot hat übrigens beschlossen, ihrem Mann nächstes Jahr zum Geburtstag keine Kulturveranstaltung mehr zu schenken. „Nächstes Mal bekommt er Socken“, sagte sie. „Die kann wenigstens keiner zur Kunst erklären.“