Kleinbottwar (tzn) – Es ist eine Nachricht, die das kleine Dorf Kleinbottwar im Landkreis Ludwigsburg bis ins Mark erschüttert: Das traditionelle Dorffest, das seit über 170 Jahren jeden Februar stattfindet, muss in diesem Jahr ersatzlos ausfallen. Der Grund: Sämtliche drei Einwohner der Gemeinde sind am geplanten Festtermin zeitgleich verhindert. Es ist der erste Ausfall seit 1847, als alle damaligen Bewohner an der Cholera erkrankt waren.
Ortsvorsteher Günther Hasenbein (71), der zugleich als Festkomitee, Schirmherr und einziger Beitragszahler des Dorffestes fungiert, bestätigte die Absage mit hörbarem Bedauern. „Ich habe am 14. Februar einen Arzttermin in Stuttgart – den habe ich seit sieben Monaten. Da kann ich nicht absagen, das ist beim Facharzt“, erklärte Hasenbein gegenüber unserer Redaktion. Seine Frau Irmgard (68) besuche an demselben Tag ihre Schwester in Ulm, die Geburtstag feiere. „Das ist Familienpflicht. Da gibt es kein Vertun.“
Der dritte und letzte Einwohner von Kleinbottwar, Nachbar Herbert Zaunpfahl (63), muss seinen Opel Astra zum TÜV bringen. „Der TÜV-Termin stand schon fest, bevor das Dorffest geplant wurde“, verteidigte sich Zaunpfahl. „Außerdem hat der Astra schon zwei Monate Überziehung. Wenn ich jetzt nicht hinfahre, ist der Wagen bald stillgelegt, und dann komme ich gar nirgends mehr hin – auch nicht zum nächsten Dorffest.“
Das Dorffest von Kleinbottwar war stets ein bescheidenes, aber liebevoll organisiertes Ereignis. Das „Festzelt“ bestand aus einem handelsüblichen Garten-Sonnenschirm über einem einzelnen Klapptisch. Das Catering übernahm Irmgard Hasenbein persönlich mit selbstgemachtem Kartoffelsalat und einer Thermoskanne Kaffee. Für die musikalische Untermalung sorgte Günther Hasenbein auf seiner Mundharmonika – ein Programm, das er selbst als „die Blaskapelle von Kleinbottwar“ bezeichnete. Das Festbudget belief sich in diesem Jahr auf exakt 47 Euro, wovon 12 Euro für Kartoffeln, 8 Euro für Kaffee und 27 Euro für eine neue Tischdecke eingeplant waren.
Trotz der überschaubaren Größe war das Fest im vergangenen Jahr ein voller Erfolg. Alle drei Einwohner erschienen pünktlich, dazu gesellte sich überraschend eine getigerte Katze aus dem Nachbarort, die den gesamten Nachmittag blieb und sich am Kartoffelsalat bediente. „Das war die bestbesuchte Veranstaltung seit Jahren“, erinnerte sich Hasenbein wehmütig. „Wir hatten sogar eine Zugabe auf der Mundharmonika. Die Katze hat zwar nicht geklatscht, aber sie ist auch nicht gegangen. Das spricht für sich.“
Die Nachricht vom Ausfall rief unerwartet große Anteilnahme hervor. Mehrere Nachbargemeinden boten an, „Stellvertreter“ zum Fest zu entsenden, um die Veranstaltung dennoch stattfinden zu lassen. Hasenbein lehnte jedoch kategorisch ab. „Das wäre nicht authentisch“, erklärte er bestimmt. „Ein Dorffest lebt von seinen Einwohnern. Wenn Fremde kommen, ist es kein Dorffest mehr, sondern Tourismus. Und Tourismus haben wir hier nicht. Wir haben nicht mal einen Parkplatz.“
Das Festkomitee – also Hasenbein – erörterte kurzzeitig die Möglichkeit, das Dorffest als digitale Veranstaltung per Zoom abzuhalten. Die Idee wurde jedoch schnell verworfen, da keiner der drei Einwohner über einen Internetanschluss verfügt. „Wir haben hier kein WLAN, kein Glasfaser und ehrlich gesagt auch keinen Bedarf“, stellte Zaunpfahl klar. „Ich habe 63 Jahre ohne Internet gelebt, und mir fehlt nichts. Außer vielleicht der TÜV-Plakette.“ Hasenbeins Vorschlag, das Fest stattdessen per Telefon abzuhalten – „wir könnten ja alle gleichzeitig anrufen und dabei Kartoffelsalat essen“ – fand ebenfalls keine Mehrheit.
Die Lokalzeitung „Ludwigsburger Kreisblatt“ veröffentlichte daraufhin einen Nachruf auf das diesjährige Dorffest, der überraschend viele Leser rührte. „Es ist, als würde ein Stück Deutschland sterben“, schrieb Redakteur Friedhelm Druckzeile in seinem Kommentar. „Wenn drei Menschen es nicht mehr schaffen, sich gleichzeitig unter einen Sonnenschirm zu setzen, dann stimmt etwas nicht in diesem Land.“ Der Nachruf wurde innerhalb von 24 Stunden zum meistgelesenen Artikel des Jahres im Ludwigsburger Kreisblatt – was allerdings auch daran liegen könnte, dass die Zeitung sonst hauptsächlich über Straßensperrungen und Gemeinderatsprotokolle berichtet.
Ortsvorsteher Hasenbein zeigte sich trotz der Absage optimistisch für die Zukunft. „Nächstes Jahr wird alles anders“, versprach er. „Ich habe bereits alle drei Kalender überprüft – meinen, den von Irmgard und den von Herbert. Der 14. Februar 2027 ist bei allen frei. Solange niemand einen TÜV-Termin dazwischenschiebt, steht dem Fest nichts im Wege.“ Auf die Frage, ob er nicht auch die Katze einladen wolle, antwortete Hasenbein nach kurzem Nachdenken: „Die kommt, wenn sie will. So ist das mit Katzen. Und so ist das mit dem Dorfleben.“