Düsseldorf (tzn) – In einem beispiellosen Fall von Homeoffice-Exzellenz ist Thomas K. (41) aus Düsseldorf zum Abteilungsleiter befördert worden, obwohl ihn niemand im Unternehmen seit März 2023 persönlich gesehen hat. Seine Webcam ist seit exakt drei Jahren „defekt“, sein Profilbild in Teams zeigt ihn noch mit Vollbart – den er nach Aussage seiner letzten bekannten Kontaktperson „irgendwann 2019“ abrasiert hat.
„Thomas ist unser zuverlässigster Remote-Mitarbeiter“, schwärmt sein Vorgesetzter Klaus Müller. „Seine E-Mails kommen immer pünktlich, er beschwert sich nie, und sein Status ist praktisch rund um die Uhr auf 'In einer Besprechung'. So einen engagierten Mitarbeiter findet man selten.“
Auf die Frage, was Thomas K. eigentlich genau macht, herrscht im Unternehmen allerdings Unklarheit. „Irgendwas mit Projekten“, vermutet seine Teamkollegin Sandra W. „Er ist immer in irgendwelchen Calls. Zumindest steht das so in seinem Kalender.“ Ein anderer Kollege ergänzt: „Ich habe ihm letzten Monat eine Frage gestellt. Er hat nach drei Wochen mit 'Wird erledigt' geantwortet. Das fand ich sehr professionell.“
Die Personalabteilung versuchte im vergangenen Jahr, Thomas K. zu einem Mitarbeitergespräch ins Büro einzuladen. Die Adresse, die im System hinterlegt ist, stellte sich jedoch als Packstation in Mettmann heraus. Ein Hausbesuch an seiner angeblichen Wohnadresse föhrte zu einem leerstehenden Lagerhaus. „Wir gehen davon aus, dass er umgezogen ist und vergessen hat, uns zu informieren“, erklärt HR-Leiterin Petra Formulare.
Trotz dieser Unklarheiten gewann Thomas K. zweimal den Titel „Employee of the Quarter“ – einmal für „außergewöhnliche Verfügbarkeit“ und einmal für „vorbildliche digitale Präsenz“. Bei der virtuellen Preisverleihung erschien er nicht, sandte aber eine automatische Abwesenheitsnotiz: „Ich bin aktuell in einem Meeting und melde mich später zurück.“
Seine Beförderung zum Abteilungsleiter wurde einstimmig beschlossen. „Thomas hat in den letzten drei Jahren keine einzige Beschwerde erhalten“, begründet die Geschäftsführung die Entscheidung. „Er hält alle Deadlines ein, nimmt nie Urlaub und verursacht null Konflikte im Team. Ein Vorbild für alle.“
Erst letzte Woche machte die IT-Abteilung eine beunruhigende Entdeckung: Thomas K.s E-Mail-Account wird seit Februar 2023 von einem ausgefeilten Auto-Reply-System gesteuert. Das Skript analysiert eingehende Nachrichten und antwortet mit generischen Floskeln wie „Danke für die Info“, „Guter Punkt, schaue ich mir an“ oder „Lass uns dazu nächste Woche einen Call machen“.
„Das Programm ist beeindruckend“, gibt IT-Administrator Sven Hackmann zu. „Es erstellt sogar regelmäßig Kalenderblocker mit vagen Titeln wie 'Strategieworkshop' oder 'Stakeholder Alignment'. Ehrlich gesagt könnte ich das nicht besser machen.“
Die Frage, wo sich Thomas K. tatsächlich befindet, bleibt ungeklärt. Seine letzte dokumentierte Aktivität war ein Slack-Emoji-React (Daumen hoch) auf eine Nachricht vom 17. März 2023. Seitdem: Funkstille. Seine Gehaltsüberweisungen werden jeden Monat ordnungsgemäß auf ein Konto in Liechtenstein transferiert.
Das Unternehmen sieht keinen Handlungsbedarf. „Warum sollten wir etwas ändern, das funktioniert?“, so Geschäftsführer Dr. Werner Digital. „Thomas ist produktiv, zuverlässig und hat noch nie um eine Gehaltserhöhung gebeten. In Zeiten des Fachkräftemangels kann man sich über so einen Mitarbeiter nur freuen.“
Als nächstes steht für Thomas K. eine weitere Beförderung an: Er soll stellvertretender Bereichsleiter werden. Die Entscheidung wurde per E-Mail mitgeteilt. Thomas K. antwortete binnen drei Minuten: „Danke für das Vertrauen. Freue mich auf die Herausforderung. LG Thomas“ – verschickt um 03:47 Uhr nachts.
Experten sehen in dem Fall einen Präzedenzfall für die Zukunft der Arbeit. „Vielleicht ist das die ultimative Form von Work-Life-Balance“, spekuliert Arbeitspsychologin Dr. Sabine Mühe. „Gar nicht mehr arbeiten, aber trotzdem Karriere machen. Genial, wenn man so will.“