Hamburg (tzn) – Der Hamburger Apotheker Dr. Friedrich Pillendreher hat in einer vielbeachteten Fachpublikation im „Deutschen Apothekerblatt für Unkonventionelle Pharmazie“ davor gewarnt, Beipackzettel zu lesen. Seine These: Das Lesen von Nebenwirkungen sei gefährlicher als die Nebenwirkungen selbst. „Der Beipackzettel ist die größte unerkannte Gesundheitsgefahr in deutschen Badezimmerschränken“, erklärte der 58-Jährige bei einer Pressekonferenz in seiner Apotheke „Zum Goldenen Dragee“ in Hamburg-Eimsbüttel.

Die Zahlen, die Pillendreher präsentierte, sind alarmierend: In einer Studie mit 2.400 Teilnehmern entwickelten 78 Prozent aller Patienten nach dem Lesen eines Beipackzettels Symptome, die sie vorher nicht hatten. „Ein Mann kam wegen Kopfschmerzen und ging mit Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit, Herzrasen, Sehstörungen und der festen Überzeugung, dass sein linker Arm kribbelt“, berichtete Pillendreher. „Er hatte lediglich den Beipackzettel einer herkömmlichen Kopfschmerztablette gelesen. Davor ging es ihm besser – abgesehen von den Kopfschmerzen natürlich.“

Das Phänomen, das Pillendreher als „Beipackzettel-Syndrom“ (BPS) bezeichnet, ist in Fachkreisen nicht völlig unbekannt. Der sogenannte Nocebo-Effekt – das Gegenstück zum Placebo-Effekt – beschreibt, dass Patienten Nebenwirkungen entwickeln, allein weil sie damit rechnen. Pillendreher geht jedoch einen Schritt weiter: „Der Nocebo-Effekt ist Kinderkram im Vergleich zu dem, was ein gut formulierter Beipackzettel anrichten kann. Ich habe Patienten erlebt, die nach dem Lesen des Beipackzettels eines Hustensafts überzeugt waren, dass ihnen ein drittes Bein wächst.“

Besonders gefährlich sei die Rubrik „Sehr seltene Nebenwirkungen (weniger als 1 von 10.000)“, so Pillendreher. „Jeder Patient, der diese Rubrik liest, ist sofort davon überzeugt, genau diese eine Person von 10.000 zu sein. Statistisch unmöglich, psychologisch unvermeidbar.“ In seiner Studie gaben 92 Prozent der Befragten an, nach dem Lesen seltener Nebenwirkungen mindestens eine davon bei sich selbst festgestellt zu haben. Ein besonders eindrücklicher Fall: Eine 67-jährige Patientin rief um 2 Uhr nachts den Notarzt, weil sie nach dem Lesen des Beipackzettels ihrer Blutdrucktablette überzeugt war, dass ihre Haut sich blau verfärbe. Der Notarzt stellte fest, dass sie im Dunkeln auf das Display ihres Handys gestarrt hatte.

Die Pharmabranche reagierte gespalten auf Pillendrehers Veröffentlichung. Der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) wies die Studie als „unwissenschaftlich und geschäftsschädigend“ zurück. Sprecherin Dr. Margot Tablettenheim erklärte: „Beipackzettel sind gesetzlich vorgeschrieben und dienen der Patientensicherheit. Dass Patienten nach dem Lesen krank werden, ist nicht die Schuld des Beipackzettels, sondern die Schuld des Patienten, der ihn liest.“ Hinter vorgehaltener Hand räumten mehrere Pharmavertreter jedoch ein, dass die Texte „möglicherweise etwas optimiert werden könnten“. Ein Insider berichtete, dass manche Beipackzettel intern als „Horrorromane im Miniformat“ bezeichnet würden.

Als Gegenmaßnahme hat Pillendreher eine neue Therapieform entwickelt, die er „Beipackzettel-Abstinenz“ (BPA) nennt. Das Konzept ist denkbar einfach: Patienten sollen Medikamente einnehmen, ohne den Beipackzettel zu lesen. „Vertrauen Sie Ihrem Apotheker, nicht einem Zettel, der von einem Juristen geschrieben wurde, dessen einziges Ziel es war, das Pharmaunternehmen vor Klagen zu schützen“, appellierte er. Für Patienten, die nicht widerstehen können, bietet Pillendreher in seiner Apotheke seit Kurzem einen „Beipackzettel-Entsorgungsservice“ an: Beim Kauf eines Medikaments wird der Beipackzettel direkt an der Kasse entfernt und in einem speziellen Tresor verwahrt. „Aus den Augen, aus dem Sinn, aus der Notaufnahme“, lautet das Motto.

Die Notaufnahmen der Hamburger Krankenhäuser bestätigen das Problem. Dr. Anja Erstversorgung, Oberärztin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, schätzt, dass bis zu 15 Prozent aller nächtlichen Notaufnahme-Besuche auf „akute Beipackzettel-Panik“ zurückzuführen sind. „Die Patienten kommen herein, wedeln mit dem Beipackzettel und sind felsenfest davon überzeugt, dass sie gerade an einer ›reversiblen Lösung der Nagelbettverklebung‹ leiden – einem Zustand, von dem sie vor 20 Minuten noch nie gehört hatten.“ In schweren Fällen habe man Patienten beobachtet, die Beipackzettel von Medikamenten lasen, die sie gar nicht einnahmen. „Einer hat den Beipackzettel der Herztabletten seiner Schwiegermutter gelesen und war überzeugt, er habe jetzt auch Vorhofflimmern. Er war 28 und kerngesund.“

Psychologen ordnen das Phänomen als eine Form der Gesundheitsangst ein. Prof. Dr. Helmut Grübelstein von der Universität Mannheim erklärte: „Der Beipackzettel ist für Hypochonder das, was ein All-you-can-eat-Buffet für jemanden mit Essstörung ist: unwiderstehlich und gleichzeitig verheerend.“ Er empfiehlt eine „gestufte Lesetherapie“, bei der Patienten zunächst nur die erste Zeile des Beipackzettels lesen dürfen und sich Woche für Woche vorarbeiten. „Die meisten brechen nach ›Zusammensetzung‹ ab. Das ist ein gutes Zeichen.“

Politisch sorgte die Debatte ebenfalls für Wirbel. Gesundheitspolitiker der SPD forderten eine „Beipackzettel-Reform“, bei der Nebenwirkungen künftig in „verständlicher Sprache und ohne Angstmacherei“ formuliert werden sollen. Statt „In seltenen Fällen kann es zu Herzrhythmusstörungen kommen“ solle es künftig heißen: „Ihr Herz macht vielleicht mal was Lustiges, aber das ist meistens okay.“ Die Union lehnte den Vorschlag ab und verwies auf die „bewährte deutsche Tradition der gründlichen Aufklärung“. Die AfD forderte Beipackzettel ausschließlich auf Deutsch, „damit wenigstens die Angst national bleibt“.

Dr. Pillendreher selbst gibt zu, dass er seit 20 Jahren keinen Beipackzettel mehr gelesen hat. „Ich bin Apotheker. Ich weiß, was in den Medikamenten drin ist. Und ich weiß vor allem, was in den Beipackzetteln drin ist: Angst, Schrecken und juristische Absicherung. In dieser Reihenfolge.“ Sein nächstes Forschungsprojekt beschäftigt sich übrigens mit der Frage, ob das Googeln von Symptomen noch gefährlicher ist als das Lesen von Beipackzetteln. „Vorläufige Ergebnisse deuten darauf hin, dass Google-Nutzer nach 15 Minuten Symptomrecherche im Durchschnitt überzeugt sind, an 3,7 tödlichen Krankheiten gleichzeitig zu leiden. Der Beipackzettel schafft im Schnitt nur 1,2. Aber dafür analog.“

Anmerkung der Redaktion: Dieser Artikel ist frei erfunden. Lesen Sie Ihre Beipackzettel – aber vielleicht nicht vor dem Einschlafen.